Vom Visionär zu „Der Andere“ – Pierre Pagé und die Eisbären – Teil 2

Pierre Pagé - Foto: WeidemannNachdem unsere Eisbären souverän als Erster die Vorrunde beendet hatten, schien möglich, woran zuvor kaum einer zu glauben gewagt hatte. Das „M-Wort“ aber mochte niemand in den Mund nehmen. Die Begeisterung und Hoffnung war groß und endete doch in Ernüchterung.
Die Krefeld Pinguine zogen unseren Zauber-Bären den Zahn und warfen sie im Halbfinale aus dem Meisterschaftsrennen. Nach der Niederlage in Krefeld zeigte sich dann auch erstmals das andere Gesicht des Pierre Pagé: Der gestandene Mittfünfziger verlor die Fassung, verschwand, wollte das gescheiterte Team nicht mehr sehen. Für die Hauptstadtgazetten war „die Flucht des Pierre Pagé“ Futter für Wochen. Hier tat sich offenkundig auf, was von da an im Prinzip zum ständigen Thema wurde: das unterkühlte Verhältnis zwischen dem Trainer Pierre Pagé und seinen Spielern.

Der Erfolg, eine Finalteilnahme und die von uns Fans so lange ersehnte erste gesamtdeutsche Meisterschaft und der zweite Titel gleich im Jahr darauf, übertünchte diese Querelen, die ich persönlich lange nicht wahrhaben wollte, bestens. Es gab Pierre Pagé - Foto: CityPressetliche Leute, die nach Pierres Abgang sagten, dass mit den zur Verfügung stehenden Spielern wenigstens eine Meisterschaft mehr drin gewesen wäre. Und dass der zweite Titel gar eher trotz statt wegen Pagé eingefahren wurde. Nach der letzten Saison, die uns bekanntlich eine ungewohnt lange Sommerpause bescherte, freute sich das Boulevard über neuen Stoff, der den Geruch des Skandalösen an sich hatte. Den Namen Pierre Pagé zu nennen stehe bei den Eisbären sozusagen unter Strafe. Fünfzig Euro für den Vornamen, fünfzig für den Nachnamen, für beides zusammen wären hundert Euro in die Mannschaftskasse fällig. Von offizieller Seite wurde das freilich flink dementiert. In diversen Interviews mit Spielern war allerdings tatsächlich festzustellen, dass statt des Namens die Bezeichnung „der Andere“ benutzt wurde. Mir half die glaubhafte Aussage eines Offiziellen noch während jener Grottensaison einzusehen, dass Pierre zwar über alle nötigen Eigenschaften eines sehr guten Trainers verfügt, über eine jedoch nicht: Human Skills – die Fähigkeit, in allen Situationen angemessen mit Menschen umzugehen.

Pierre Pagé - Foto: WeidemannWas es mir auch schwer gemacht hat, dieses Defizit zu erkennen, liegt in einer weiteren Episode begründet, die sich nach dem Ausscheiden gegen Krefeld im Casino bei Alex ereignete. Es war wohl nach der Saisonabschluss“feier“, als noch etliche Fans, darunter auch die üblichen Verdächtigen, bei Alex zusammen saßen, um bei einem gemütlichen Bierchen alles noch mal Revue passieren zu lassen. Da betrat ein sichtlich verunsicherter Pierre Pagé den Raum, blickte nervös um sich und setzte sich letztlich an einen der Tische. In diesem Moment, so der Eindruck vieler Dabeigewesener, war es Pagé wichtig zu hören, was die Fans denken, wie sie das Geschehene bewerten. Und ganz sicher wollte er auch ergründen, wie groß trotz der Enttäuschung sein Standing bei ihnen noch ist. Ob er wohl Konsequenzen gezogen hätte, wenn die Antwort für ihn an diesem Abend negativ ausgefallen wäre? Keine Ahnung! Das müssten Leute beurteilen, die ihm näher stehen. Auf die, die damals mit Pierre am Tisch saßen und redeten, hatte sein Verhalten jedenfalls Eindruck gemacht. Ihnen hatte er sich offen und ohne Netz und doppelten Boden gestellt.

Pierre Pagé - Foto: CityPressWie dem auch sei, mit Pierre Pagés Dienstantritt im Januar 2002 begann für die gesamte Organisation der Eisbären eine komplett neue Ära. Hatte Lorenz Funk sen. vor Jahren vor lauter Freude über die Qualifikation der Eisbären für das internationale Eishockeygeschäft den Spruch „Vom Scheißhaus ins Penthouse“ geprägt, so wurde der mit kontinuierlicher, systematischer Arbeit auf nahezu allen Ebenen mit Leben erfüllt. Mich freut es vor jedem Spiel, wenn Stadionsprecher Uwe Schumann die Namen der Eisbären „des heutigen Tages“ ankündigt und man hinter Florian Busch, André Rankel, Christoph Gawlik, Alexander Weiß, Frank Hördler, Tobias Draxinger, Jens Baxmann und Youri Ziffzer das Wort Nationalspieler setzen kann. Dieser Erfolg und dass unsere Eisbären heute ein professionell und besser geführter DEL-Klub ist als noch vor einigen Jahren, hat zweifelsohne viele Väter. Der Anteil Pierre Pagés ist und bleibt ebenso ohne Zweifel ein großer.

Matze Eckart

Eine Galerie mit noch viel mehr Bildern von Pierre Pagé gibt es hier.

Fotos: CityPress (1), Weidemann (3)

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One Response to “Vom Visionär zu „Der Andere“ – Pierre Pagé und die Eisbären – Teil 2”

  1. wei-de sagt:

    Ja, ich gebe zu, ich hatte meine Bedenken, ob es gelingen könnte, das Wirken von Pierre Pagé in diesem Format angemessen darzustellen.

    Aber Matze, Respekt und Hut ab! Ich denke die Zweischneidigkeit des Wirkens unseres Meistertrainers kommt bei Deinem Monsterartikel gut rüber.

    Danke dafür!
    Komissarov