Olé olé, Pierre Page! – Oder: Vom Visionär zu „Der Andere“

Pierre Pagé - Foto: CityPressDer Komissarov hat sogleich dezente Bedenken geäußert, als ich ihm ankündigte, für www.welli-berlin.de die Heldenstory zum ersten Eisbären-Meistertrainer der Neuzeit verfassen zu wollen. Womit beginnen, womit aufhören, wie bewerten, was der streitbare Mann aus Quebec in Kanada hier geleistet hat, um dessen Werk letztlich auch wirklich gerecht zu werden, möglichst ohne etwas wegzulassen, zu unterschlagen, zu beschönigen oder auch wiederum nicht übertrieben kritisch zu sein? Nun, ich will es dennoch versuchen. Denn, auch wenn das Ende des Engagements von Pierre Gilbert Pagé bei den Eisbären sicherlich kein rühmliches war, so war sein Wirken über fünf lange Jahre doch eine herausragende Erfolgsgeschichte. Und zwar in einem Maße, dass Pierre Pagés Name in den Geschichtsbüchern unserer Eisbären auf immer eine besondere Stellung einnehmen wird.

Wir schrieben das Jahr 2002. Im Januar waren unsere Eisbären eine Mannschaft, die trotz schon personeller Aufwertung gegenüber den beiden vorherigen so erfolglosen Jahren ohne Play-off-Teilnahme sportlich aber noch immer zwischen Baum und Borke stand. Die Gefahr, erneut die Play-off zu verpassen war groß. Und wieder einmal taten die Eisbären, was sie in den Jahren zuvor mit wechselndem Erfolg schon so oft getan hatten: sie tauschten den Trainer. Uli Egen musste seinen Platz hinter der Bande räumen. Ihn sollte fortan ein Mann ersetzen, der das Eishockey in Hohenschönhausen nachhaltig beeinflussen sollte. Sein Name: Pierre Gilbert Pagé.

Pierre Pagé - Foto: CityPressUnser damaliger Pressesprecher Moritz Hillebrand stellte den neuen Coach, der gerade erst in Berlin eingetroffen war, den Fans bei einem Runden Tisch in der Overtime vor. Da stand er nun und wusste wohl gar nicht recht, was da passierte. Das ging den Anwesenden allerdings nicht sehr viel anders, als Pierre das Mikrophon ergriff und sich da zum ersten Mal als großer Visionär präsentierte. Von einem Dreijahresplan war da die Rede, von Meisterschaften als Ziel, von der Weltstadt Berlin und der Leuchtturmstellung, die die Eisbären in einer der größten und wichtigsten Metropolen mitten im Herzen Europas einmal einnehmen sollten, von jungen deutschen Spielern, die entwickelt werden und in naher Zukunft zu National- , ja sogar NHL-Spielern reifen sollen. Meine erste Reaktion auf all das? Ganz ehrlich? Spinner! Schon wieder so ein Blasenquatscher!
Wie ihr wisst, sollte ich mich getäuscht haben. Zu sehr verinnerlicht hatte ich das Dasein meiner Eisbären als Underdog. Und irgendwie hatten wir alle ja genau diesen Zustand inzwischen kultiviert und gefielen uns auch in der Rolle der ungeliebten Schmuddelkinder. Die Eisbären neben Mannheim und Köln als eine der Nobeladressen im deutschen Eishockey? Damals noch schwer vorstellbar, heute aber längst Realität. Nicht zuletzt auch dank des kauzigen Visionärs Pagé.

Pierre Pagé - Foto: CityPressDie Eisbären schafften damals als Tabellensiebter noch den Sprung in die Play-offs, wurden von den Adlern aber schon nach dem Viertelfinale in Urlaub geschickt. Der ganz große Knalleffekt sollte erst in der nächsten Saison folgen. Spieler wie Mark Beaufait, Kelly Fairchild oder David Roberts präsentierten vom ersten Spieltag der Saison 2002/03 eine Art Eishockey, die uns alle in Verzückung versetzte. Vom hierzulande wohl noch nie gesehenen Powerhockey, geprägt von schier unglaublicher Schnelligkeit und Präzision wurde nicht nur uns auf den Rängen schwindelig, sondern vor allem den Gegnern unserer Eisbären. Ich kann mich noch gut erinnern, wie wir uns in unserem Trüppchen im Block C ungläubig in die Augen schauten, uns mit vor Begeisterung hochroten Köpfen kaum einkriegen konnten. Das Torpedosystem des Pierre Pagé ließ die Eisbären wie ein warmes Messer durch Butter durch die DEL-Vorrunde marschieren.

Pierre Pagé - Foto: CityPressIrgendwann zu dieser Zeit, ich war noch für Radio Eiskalt aktiv, hatten Sabine Becker, Oliver Koch und ich einen Interviewtermin mit Pierre klargemacht. Er empfing uns in diesem Kabüffchen im Welli, das sich großspurig Trainerzimmer nennt. Eng geht es darin zu. Und zu Pierres Zeiten wohl so eng wie noch nie. Außer in einer Videothek hatte ich jedenfalls noch nie so viele Tapes auf einem Haufen gesehen. Fernseher, Videorecorder waren kaum noch ausfindig zu machen. Die Anwärmphase dauerte gar nicht so lange, Pierre war schnell in seinem Element und wir hingen gebannt an seinen Lippen, folgten ihm gedanklich zu seinen (und auch meinen) heiß geliebten Montreal Canadiens in die NHL, zu seinen Jobs bei den Quebec Nordics, Calgary Flames und ihren Farmteams in Moncton und Colorado, dann noch zu den Anaheim Ducks und letztlich zum HC Ambri Piotta in die Schweiz, wo er nicht zu Ende bringen durfte, wozu man ihn eigentlich ermuntert hatte, nämlich junge Spieler zu entwickeln. Der schnelle Erfolg war den Verantwortlichen dort dann doch wichtiger.

Die Reise endete im Trainerkabüffchen im Wellblechpalast zu Berlin-Hohenschönhausen. Fast eine Stunde war vergangen – gefühlte zehn Minuten. Wir kamen wieder zu uns, nachdem uns Pierre wortreich durch das Atelier geführt hatte, in dem er das Bild von den Eisbären entworfen hatte, wie er sie sie eines nahen Tages sehen wollte. Was soll ich herumeiern, ich war begeistert, mir hatte gefallen, was ich durch Pierres Worte gesehen hatte. Ja, so sollten sie sein unsere Eisbären!

Fortsetzung folgt…

Matze Eckart

Eine Galerie mit noch viel mehr Bildern von Pierre Pagé gibt es hier.

Fotos: CityPress

Teil zwei folgt morgen auf www.welli-berlin.de

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