Belehrungen vom Klassenfeind

Ronald Upmann - Foto: ovkMeine nachhaltige Zuneigung zum Eishockey habe ich einem Fan des berühmt-berüchtigten BSC Preussen Berlin zu verdanken. Genau genommen war es nur ein einziger Satz aus dem Munde des „Klassenfeindes“, der mich zum Fan und später zum journalistisch tätigen Dauer-Supporter hat werden lassen.
Doch der Reihe nach: Man schrieb den dunklen Spätherbst des Jahres 1991 – dunkel nicht nur wegen der kurzen und stürmischen Tage, sondern insbesondere aufgrund des undankbaren Zweitligadaseins, welches unsere Eisbären zu jener Zeit fristeten. Die noch unter dem Namen „EHC Dynamo Berlin“ firmierenden Nickel-Schützlinge kämpften sich in der Saison 1991/92 nicht zuletzt dank des dynamischen Duos Mark Jooris/Scott Metcalfe langsam aber sicher nach oben.

Wenige Wochen vor dem Weihnachtsfest hinkte man allerdings punktemäßig noch dem scheinbar übermächtigen Augsburger EV hinterher und da war es gar nicht verwunderlich, dass das Spitzenspiel gegen die Schwaben für emotionale Vulkanausbrüche allerorten sorgte. Auch die Schreibtischtäter von Kurier & Co. hatten die Stimmung im Vorfeld der Begegnung kräftig angeheizt – man erwarte bis zu „800 Augsburger Hooligans“ im Sportforum und so weiter. Zumindest sollte ausgerechnet dieses denkwürdige Spiel mein erstes, aber durch aus nicht letztes Mal beim Eishockey werden.

Über die Partie selbst möchte ich hier nicht allzu viele Worte verlieren – zumal es am Ende, soweit meine Erinnerungen mich nicht täuschen, zu einer bitteren 4:5-Niederlage kam. Das eigentlich rührende Erlebnis des Abends spielte sich für mich und Begleitung in Person meines verehrten Herrn Vaters jedoch auf dem Heimweg unweit der Konrad-Wolf-Straße ab. Dort Mein erstes Mal - Grafik: Eisbären Liveschlenderte doch glatt ein Preussen-Fan der Straßenbahn entgegen. Dazu sei noch erwähnt, dass die Charlottenburger zu jener Zeit eine innige Fan-Freundschaft mit den Augsburgern pflegten und das ganz sicher nicht nur wegen ihres gemeinsamen Idols „Klausi“ Merk. Jedenfalls muss ich mich in Flüchen und Zornesröte nach der Niederlage hinter dem guten Mann hergetrollt haben. Dabei ist mir dann im jungendlich-infantilen Leichtsinn ein Satz wie „Versager – hier gehe ich nicht noch mal her“ entfleucht, der den schwarz-rot-weiß befrackten Preussen vor mir zu der im Nachhinein bahnbrechenden Belehrung „dann bist Du aber kein richtiger Eishockey-Fan“, veranlasste. Mein Vater nutzte die Szene erst einmal zu einem zünftigen Gelächter, doch ich fand das irgendwie gar nicht witzig. Fakt ist, ich war fortan öfter und bald ständig im Wellblechpalast zugegen – bin es noch heute, mit dem Fotoapparat in der Hand.

Und der dringende Verdacht, unser Lieblingsfeind aus der Jaffestraße könnte an meiner Eishockey-Leidenschaft mitschuldig sein, wird dafür sorgen, dass ich – auch wenn das unter der verehrten Leserschaft dieses Zines ein Raunen hervorruft – immer auch den Charlottenburgern ein ganz klitzekleines bisschen zugeneigt bin.

Ronald Upmann ist Autor und Fotograf beim Eishockeyportal www.eishockeyinfo.de

Ab 2002 erschien in der Stadionzeitung „Eisbären live“ eine Reihe von persönlichen Berichten unter dem Motto „Mein erstes Mal„. Da diese Berichte von unterschiedlichsten Personen aus dem Dunstkreis des Welli einen guten Einblick in die Geschichte des Welli geben, freuen wir uns, dass wir diese Reihe hier erneut veröffentlichen dürfen. Unser Dank gilt dafür Daniel Goldstein von der Öffentlichkeitsarbeit der Eisbären Berlin Management GmbH.

Foto: ovk (vor dem Pokalfinale 2008)

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