SC Dynamo Berlin – HC Motor Ceské Budejovice (Sommerturnier 1977)

Michael Lachmann - Foto: City PressUm es gleich vorweg zu schicken: Eishockey war nicht automatisch meine große Liebe. Ich will aber auch nicht sagen, dass ich zu meinem Glück gezwungen werden musste. Im Allgemeinen komme ich aus einer sportinteressierten, um nicht zu sagen sportbegeisterten Familie. Mein Vater boxte während seiner Studienzeit auf der DHfK (für alle erst nach der Wende zu uns gestoßenen: Deutsche Hochschule für Körperkultur) in Leipzig, jagte danach in Berlin dem runden Leder hinterher. Besser gesagt, er versuchte Gegentore zu verhindern. So trat ich in seine Fußstapfen, denn nachdem ich vier Jahre lang bei den Dynamo-Schwimmern das 50-Meter-Becken durchwühlte, stellte ich mich auch in die Kiste.

Dies aber alles nur am Rande. Irgendwann wurde es Sommer, genauer gesagt Sommer 1977. Der Berliner FC Dynamo verpasste mal wieder seine erste DDR-Fußballmeisterschaft, die bei uns zu Hause fernab irgendwelcher politischen Beweggründe erst zwei Jahre später bejubelt werden konnte. Nun ruhte aber der Ball und meinen Vater plagte zuhause die Langeweile. Also schnappte er seine Jacke (obwohl ich nicht weiß, ob man im August damals eine solche gebrauchen konnte) und auch mich im zarten Alter von acht Jahren und ab ging es ins Hohenschönhauser Sportforum. Nun, wenn man ehrlich ist, allzu viel hat sich ja äußerlich in den zurückliegenden 25 Jahren nicht gerade an dem Sportkomplex verändert. Sicherlich, der Eisschnelllaufring bekam irgendwann einmal ein Dach und etliche Liter Farbe überdecken die Verschleißerscheinungen des in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts errichteten Sportforums.

Mein erstes Mal - Grafik: Eisbären LiveIn der Eishalle aber hat mit der Zeit die Modernisierung und der Fortschritt Einzug gehalten. Damals im Jahre 1977 war die Halle Relikt einer ungeliebten Sportart. Die gezimmerte Holzbande machte auf mich einen recht rustikalen Eindruck und statt der heutigen Plexiglasscheiben verhinderte Maschendraht den Einschlag des Pucks in den Zuschauerrängen. Obwohl, so viel Zuschauer hätten sich zum damaligen Zeitpunkt auch gar nicht in die Gefahr begeben, von der kleinen Hartgummischeibe getroffen zu werden. Im August ´77 verirrten sich keine 200 Leute in der Eis-Arena. Kein Wunder, denn durch die Beschneidung des Eishockeysports existierte dieser in den Medien auch nur am Rande. Also ähnlich wie heute. Ich kann mich noch recht gut erinnern, wie ich trotz sommerlichen Temperaturen vor der Halle auf den kalten Holzbänken ein wenig fror. Das Publikum bestand wohl aus zwei Dritteln älteren Bevölkerungsanteils, aber damals mit acht Jahren, waren für mich alle größeren Leute irgendwie alt.

Im Eingangsbereich der Halle umnebelte mich der eigentümliche Geruch von Bratwurst und so etwas ähnlichem wie Pommes Frites. Wie ich im Verlauf der weiteren Jahre registrieren musste, stammte dieser Geruch allerdings weniger von den genannten Verzehrwaren, sondern eher von dem etwas älterem Öl, welches zur Zubereitung der selbigen verwand wurde. Die Selbstbedienungsgasstätte befand sich im Übrigen dort, wo heute die Beletage der Sponsoren sein Sektchen trinkt, nämlich in den Räumlichkeiten des V.I.P.-Raumes. Dort ging es in den Pausen immer hoch her, doch statt heute Sekt, Lachs und Kaviar gab es damals für schmales DDR-Geld Pils und Bockwurst mit Brot. Fehlen durfte dabei nicht der typische Zigarettenqualm der Marke „Cabinett“. Ach ja, den gibt es ja heute auf den Wandelgängen immer noch.

Aber zurück zum Geschehen in der Halle. Für mich als kleinen Sprutz war neben dem eigentlichen Eishockeyspiel auch die Anzeigetafel interessant. Damals natürlich noch nicht digital, sondern mechanisch wie auch elektronisch angetrieben und mit einer Analoganzeige für die Spielzeit ausgestattet. Das 60-minütige Zifferblatt war farbig in die drei Drittel unterteilt. Sehr eindrucksvoll wirkte dies auf meine kleinen Kinderaugen. Für die Strafzeiten drehte sich ebenfalls ein Zeiger im Kreis. Rote Lämpchen zeigten dem Sünder die verbleibenden Minuten seiner Strafe an. Ebenfalls sehr beeindruckend. Ich glaube aber mich erinnern zu können, dass Hans Frenzel am Mikrofon weniger mit dem Ansagen von Strafzeiten beschäftigt war, als mit dem der Torschützen. 5:5 endete dereinst das Match zwischen dem SC Dynamo und den tschechoslowakischen Sportsfreunden von Motor Ceské Budejovice. Nun frag mich hier bitte keiner nach den Torschützen. Vielleicht waren auf Berliner Seite Dieter Frenzel, Dietmar Peters oder Gerhard Müller darunter, bei Budejovice eventuell Jiri Lala. Ja genau, der Lala, der später mit der CSSR Weltmeister wurde und mit Frankfurt und Mannheim in der Bundesliga glänzte. An den kann ich mich noch ziemlich gut erinnern. Von einem Betreuer erhielt ich nämlich nach dem Spiel ein Mannschaftsposter. Mein erstes damals und darauf war ich mächtig stolz. Und auf diesem war eben jener Jiri Lala zu sehen.

Was damals aus Langeweile geboren wurde, ist heute für mich nicht mehr wegzudenken. 25 Jahre später fiebre ich mit den Eisbären bei jedem Heimspiel mit, freue mich bei Siegen spitzbübisch und leide bei Niederlagen wie ein geprügelter Hund. Meinem Vater, der seinen Stammplatz heute im Block I hat, geht es da nicht anders.

Michael Lachmann begann seine journalistische Karriere beim „Eis-Dynamo“, für den er weiterhin tätig ist. Dazu kommen Beiträge in der Bild-Zeitung, der „Eisbären live“ und in der „Eishockey News“.
Das Foto zeigt Michael Lachmann im Januar 2008 bei der Ehrung von Deron Quinn, der von den Lesern der Eishockey News zum Spieler des Monats Dezember 2007 gewählt wurde.

Foto: CityPress

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