Erich? Helmut? Erik Cole!

Erik Cole - Foto: CityPressDie Saison 2004/05 war für die gesamte DEL, und an ihrem Ende auch für die Eisbären, in mehrfacher Hinsicht eine besondere. Die Gewerkschaft der NHL Spieler (NHLPA) hatte sich nach langem wie erfolglosen Ringen mit Commissioner Gary Bettman und seinen Vertretern um einen neuen Tarifvertrag zum Streik entschlossen. Die Antwort der Franchiseeigentümer lautete Aussperrung; die Fronten waren so verhärtet, dass die NHL Saison 04/05 letztlich komplett diesem Arbeitskampf zum Opfer fiel. Am Streitpunkt Salary Cap (Begrenzung des Etats für Spielergehälter) schieden sich die Geister.

Viele europäische Spieler traten für Klubmannschaften ihres Heimatlandes an; manche, wie z.B. der Tscheche Jaromir Jagr, tingelten regelrecht durch diverse europäische Ligen. Andere wiederum nutzten die Zeit, ihre in der Knochenmühle NHL malträtierten müden Glieder auszuruhen und sich für die kommende Spielzeit in Schuss zu bringen oder aber einfach ihr Handicap beim Golfen zu verbessern. Noch andere verdingten sich in der AHL oder ECHL, um nicht einzurosten. Einige kanadische und US-amerikanische Cracks nutzten ebenfalls die Gelegenheit, sich einmal in Sachen Eishockey auf dem alten Kontinent umzuschauen.

Lange sah es so aus, als hielten sich die Eisbären auf dem Sektor Lock out-Player gänzlich zurück. Die Berliner Ausgabe der BILD-Zeitung, der KURIER und die BZ brachten fast wöchentlich neue Namen recht prominenter NHL-Cracks ins Spiel. Das hartnäckigste Gerücht, das lange durch die Gerüchteküche des Sportforums waberte, war eine angeblich bevorstehende Verpflichtung des damals noch bei den Atlanta Thrashers unter Vertrag stehenden Top-Stürmers Dany Heatley. Der zog aber irgendwann das finanziell lukrativere Angebot eines Schweizer Klubs in der NLA vor.

Erik Cole - Foto: CityPressDann aber hatte die BILD doch den richtigen Riecher und nannte den Namen Erik Cole als den eines möglichen Kandidaten. Und der damals 25-jährige US-Amerikaner heuerte tatsächlich Ende Oktober bei den Eisbären an. Den Kontakt, so hieß es, hatte Stefan Ustorf hergestellt, der in der Spielzeit 2000/01 bei den Cincinnaty Cyclones gemeinsam mit Erik in der AHL aktiv war. Er hatte bis zu seinem Engagement in Berlin 237 NHL-Spiele für die Carolina Hurricanes bestritten und brachte zudem die Erfahrung eines verlorenen Stanley Cup-Finales mit nach Hohenschönhausen. Die deutliche Niederlage gegen die Detroit Red Wings im Run um die wohl am schwersten zu erringende Trophäe im Profisport, sollte späterhin auch noch eine Rolle spielen.

Es war bei weitem nicht so, dass Erik wie eine Bombe bei den Eisbären einschlug. Zweifel am als NHL-Star Angepriesenen ließen nicht lange auf sich warten. Obwohl aus ihm während seiner gesamten Zeit bei den Eisbären kein Scoring-Ungeheuer werden sollte, entwickelte sich der Ami aber doch zu einem Spieler, der vor allem für die wichtigen Tore und Vorlagen verantwortlich zeichnete. Was jedoch am meisten beeindruckte, war, wie er sich stets uneigennützig in den Dienst seiner Mannschaft stellte und dass er einen selten da gewesenen, schier unglaublichen Winning Spirit ins Team brachte. Sein Motto schien zu lauten: Verlieren verboten! Diese unbezahlbare Eigenschaft sollte noch dringend benötigt werden.

Erik Cole - Foto: CityPressFür Erik war es zudem nicht einfach, sich auf die softere europäische Regelauslegung einzustellen, wie er im Januar 2005 gegenüber einer US-amerikanischen Zeitung einräumte: „Hier gibt es einige Jungs, die wirklich gut Schlittschuh laufen können, aber es ist nicht annährend so physisch wie in der NHL. Du kannst drei Spiele spielen, die nicht sehr physisch sind und dann kommt ein Team, welches wirklich checkt und ich kann ´mein Spiel´ spielen“. Den Höhepunkt dieses Konflikts erlebten wir in der Play-off-Viertelfinalserie gegen die Augsburger, als der kantige Eisbären-Stürmer Panther-Verteidiger Arvids Rekis mit einem hammerharten Check zu Boden und für einige Zeit sogar ins Land der Träume schickte. Hauptschiedsrichter Oswald ließ sich von den auf die Barrikaden steigenden Pantherfans beeindrucken und von gar keiner Strafe bis schließlich zur Matchstrafe gegen Erik hochschaukeln. Der Disziplinarausschuss der DEL sperrte den von den Eisbärenfans inzwischen längst zum Helden auserkorenen Erik Cole für sechs Spiele. Diese Strafe wurde später reduziert, so dass er schon im dritten Halbfinale gegen Ingolstadt wieder wie gewohnt seine unwiderstehlichen Kreise ziehen konnte.

Kommentarlos nahmen die Eisbärenfans die aus ihrer Sicht drakonische Strafe gegen ihren Heroen freilich nicht hin. Aufkleber mit der Aufschrift „DEL = Wattebauschliga“ und T-Shirts mit dem Schriftzug „Freiheit für Erik Cole!“ wurden gefertigt und Erik Cole - Foto: CityPressfanden reißenden Absatz. Erik selbst orderte übrigens sechs besagter Shirts. Sogar Geld wurde gesammelt, um die zusätzlich verhangene Strafzahlung zu begleichen, was den NHL-Gehaltsmillionär einerseits rührte, andererseits aber auch fast peinlich war. „Ich weiß“, sagte Erik gegenüber einem Betreuer in einer stillen Minute, „die Leute hier haben nicht alle Arbeit oder verdienen nicht besonders gut. Und dann sammeln die Geld für mich? Ich kann das einfach nicht fassen, sie sind einfach unglaublich!“ Der zusammengekommene, immerhin mittlere dreistellige Betrag kam dann den Eisbären Junios zugute.

Im Finale gegen Mannheim, es war das dritte und womöglich entscheidende Spiel, da schienen die Eisbären plötzlich Angst vorm Siegen zu bekommen. Die Adler waren in Führung gegangen und unsere Bären standen sich irgendwie selbst auf den Füßen. Dabei war das von uns allen doch so heiß ersehnte Ziel in Form des Meisterpokals buchstäblich schon in Griffweite. Unterzahl, Mannheim drückte gewaltig, auf einmal schnappte sich Erik den Puck, zog in seiner unnachahmlichen Art vor das von Cristobal Huet gehütete Adler-Tor und setzte den Puck kaltblütig in die Maschen. Hernach betrachtet, war dies dann wohl auch der Büchsenöffner, der uns am Ende die erste gesamtdeutsche Meisterschaft unserer Eisbären bejubeln ließ. Erik Cole wurde Erik Cole - Foto: CityPressverdientermaßen zum Play-off-MVP gewählt. Denn sein Charakter war letztlich wohl das entscheidende Bausteinchen, das unsere Eisbären den Titel erringen ließ. „Verliere nie wieder ein Endspiel!“, hatte sich Erik nach der bitteren Erfahrung der vergebenen Stanley Cup-Finalserie auf die Fahne geschrieben, verriet er später. Und so hat er auch gespielt, nicht nur gegen die Adler. Das Trauma, die Hand schon so nah an Lord Stanleys Cup gehabt und ihn doch nicht bekommen zu haben, therapierte Erik mit gemeinsam mit seinen Hurricanes in der Saison 05/06. Sein Name steht nun für die Ewigkeit eingraviert auf dem Stanley Cup (Das Beweisfoto gibt es in der Galerie.

Erik Cole hat Spuren hinterlassen im Wellblechpalast zu Hohenschönhausen, das ist wohl nicht zu bestreiten. Die tage-, wochen-, ja monatelange Glückseligkeit in den Gesichtern der Eisbärenfans, nachdem sie erstmals nach Aufnahme in die Bundesliga bzw. DEL eine Meisterschaft feiern durften, wird immer auch in Verbindung mit seinem Namen stehen: Erik Cole.

Matze Eckart

Eine Galerie mit noch viel mehr Bildern von Erik Cole gibt es hier.

Fotos: CityPress und Maike Kirschner (1)

5 Responses to “Erich? Helmut? Erik Cole!”

  1. Mika sagt:

    Klasse Artikel, prima!

  2. Matze Eckart sagt:

    btw:

    Das Foto mit der Gravur auf dem Stanley Cup hat Maike Kirschner, eine gute Freundin aus Hamburg, bei ihrem letzten Kanada/USA-Besuch für mich geschossen. Dafür noch mal ein dickes Dankeschön!

  3. Weddinger sagt:

    „wir ham euch etwas mitgebracht – Erik Cole“
    War der Schlachtruf der Eisbären in seinem ersten Spiel nach der Sperre.
    GÄNSEHAUT

  4. ich78 sagt:

    Der Beitrag über Erik Cole hat nochmal Erinnerungen geweckt, Erinnerungen an das Jahr 2005 in dem wir es endlich geschafft hatten die Meisterschaft nach Berlin zu holen. An einen Spieler dessen Name mir als er zu uns kahm nicht wirklich viel gesagt hatte. Aber als er ging, wohl nie wider in vergessenheit geraten wird. Ich denke so wird es vielen anderen auch gegangen sein, desshalb vielen dank für diese Erinnerung bzw. diesen Beitrag.

  5. Matze Eckart sagt:

    Herzlichen Dank für Euer Feedback!

    Ganz ehrlich, es hat mir auch besonderen Spaß gemacht über Erik Cole zu schreiben!

    Dass ihn viele nicht kannten, bevor er zu uns kam, war nicht weiter verwunderlich. Seine NHL-Karriere war bis dahin ja noch nicht so lang. Und wer spricht drüben, wo der Zweite völlig selbstverständlich der erste Verlierer ist, schon über Spieler, die ein Stanley Cup-Finale verloren haben?

    Bei uns hat sich Erik Cole einen Namen verschafft, der noch lange einen guten Klang haben wird in Berlin.