Mein erstes Mal: Das Spiel gegen Weißwasser

Mein erstes Mal - Grafik: Eisbären LiveIch bin Produkt meiner Umwelt. Ich bin geprägt von ihren Einflüssen, und wie bei den meisten Jungs, hatte auch bei mir mein Vater frühzeitig seine Finger kräftig mit im Spiel. Er ist ein Sportfanatiker. Durch das große Angebot an Spitzensport zu Zeiten der DDR war ein Großteil der Leute sportbegeistert – mein Vater hat viele getopt.
Und so hat er mich, kaum dass ich laufen konnte, zu vielen Sportveranstaltungen geschleift. Ich war beim „Olympischen Tag“ Jahre bevor jemand was mit ISTAF anfangen konnte, beim TSC Boxturnier bevor Henry Maske Olympiasieger, im Cantianstadion bevor der „Glorreiche“ Rekordmeister und zum Schwimmfest im Friesenstadion bevor Franzi geboren wurde… (zu dieser Sportart komm ich später noch mal kurz).
Mein zweites Kinderzimmer war eigentlich die Winterbahn. Klar, auf Friedensfahrt und Olaf Ludwig sind alle abgefahren, aber Winterbahn war echt was besonderes. Hier habe ich solche Helden wie Lutz Heßlich oder Carsten Schmalfuß groß werden sehen. Aber ich schreibe hier ja über Eishockey. Kurz vor Ende meiner herausragenden Dynamo-Schwimmer-Karriere (es muss so Januar 1980 gewesen sein) holte mich mein Vater nach einem Wettkampf, bei dem ich mal wieder nichts Vernünftiges zustande bekommen hatte, aus der Umkleide ab und sagte: „Trockne die Haare richtig – wir gehen zum Eishockey!“

Die Eishalle war ja nicht wirklich weit und so saßen wir kurze Zeit später gleich hinter der linken Strafbank. Ich erinnere mich genau: es war das Spiel gegen Weißwasser! Wie es ausging, weiß ich nicht. Es hat mich auch nicht übermäßig interessiert. Was mich als Zehnjährigen wahnsinnig interessierte, waren die zerbrochenen Schläger, die über die Bande geworfen wurden. Da ich aber schon damals nicht mit extensiven Körpermaßen gesegnet war, sah ich nicht sehr gut aus gegen die anderen Jungs, die mit dem gleichen Interesse dort rumlungerten. Väterliche Unterstützung war mir auch nicht sicher, da mein Zimmer, wie bei jedem anständigen Jungen, randvoll mit ähnlich nützlichem Zeug war. Also zurück auf meinen Platz und weiter versucht, die vom Vater erklärte Abseitsregel endlich zu kapieren…
Meine restlichen Erinnerungen an dieses Spiel belaufen sich eigentlich nur noch auf die von Fachleuten bestrittene Tatsache, dass die Spieler orange JOFA-Helme trugen und auf den Fakt, auf den mich (wer wohl?) mein Vater hinwies, dass der Stadionsprecher den Namen seines spielenden Sohnes nur bei nem Tor deutlich mit Vor- und Nachnamen aussprach. Bei ner Strafzeit wurde nur ein „Frnzl“ genuschelt. Es ist ja wohl klar, dass mich ein solch attraktiver Sport in den Bann zog. Olympia, WM, Tischeishockey, alles war interessant, wenn man erst mal kapierte, worum es ging. Nur die Bundesliga Übertragung in der Sportschau fand ich nicht so prickelnd. Die Spieler sahen aus wie Litfasssäulen und das Hauptthema der Berichte waren die Aussetzer vom Kühnhackl.
Die Jahre gingen ins Land und es kam die zeit, als Musik und Mädchen interessanter wurden als Sport. Es war die Zeit als der heranwachsende Jungrebell lieber die Musiksendung „Formel Eins“ sehen wollte, als das parallel laufende Sportstudio. Mit nur einem Fernseher in der Familie kann das zu echten Konflikten führen…
Ich konnte dann zum Ende der Achtziger nur noch ein Spiel live sehen. Ich war zum Arbeiten in Weißwasser und wollte mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen. Das war schon eine beeindruckende Kulisse. Zehntausend bei nem Eishockeyspiel! Fast schon Fußballverhältnisse. Dann kamen die Wende und der Umbruch auch im Eishockey.
Anfangs der Neunziger war es nicht wirklich einfach in meinem Freundeskreis jemanden zu bewegen, mich nach Hohenschönhausen zu begleiten. Meinen Vater brauchte ich gar nicht erst zu fragen. Da er Sportfan ist, der Sport sich aber zu kommerziellem Entertainment entwickelte, wäre er ohnehin nicht mitgekommen. So blieb mir die „Freude“ erspart, mehr als drei oder vier böse Klatschen zu erleben.
Das Bosman-Urteil und der Erfolg änderte fast alles. Ich hatte Leute, die mit zum Eishockey wollten, persönliche Betreuung in der Theaterkasse (und damit zurückgelegte Play-off-Karten) und erlebte die Mutter aller Auswärtsfahrten – das Europacupfinale in Moskau.
Heutzutage mag ich lieber die Ruhe und Abgeschiedenheit des A-Blockes mit Leuten, die einiges erlebt, aber immer noch ausreichend Blödsinn im Kopf und das gleiche Lebensgefühl wie ich haben. Und manchmal ist es sogar ganz nett mit Auswärtsfans. Statt auf die Unterstützung meines Vaters, verzichte ich inzwischen gern auf den Beistand meiner Freundin beim Kampf um zerbrochene Schläger. Jetzt interessieren mich vor allem das Spiel und natürlich die Gespräche mit netten Leuten.

Ulli ist Eisbärenfan aus dem Block A und Autor beim Eis-Dynamo.

Ab 2002 erschien in der Stadionzeitung „Eisbären live“ eine Reihe von persönlichen Berichten unter dem Motto „Mein erstes Mal„. Da diese Berichte von unterschiedlichsten Personen aus dem Dunstkreis des Welli einen guten Einblick in die Geschichte des Welli geben, freuen wir uns, dass wir diese Reihe hier erneut veröffentlichen dürfen. Unser Dank gilt dafür Daniel Goldstein von der Öffentlichkeitsarbeit der Eisbären Berlin Management GmbH.

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One Response to “Mein erstes Mal: Das Spiel gegen Weißwasser”

  1. Tim sagt:

    Hab da was von Tischeishockey gelesen… Siehe Link.