Und wieder ne verpasste Meisterschaft
Samstag, 3. Mai 2008
Viele werden jetzt angesichts des Titels glauben, dass ich von den Finals 1998 oder 2004 berichten möchte. Weit gefehlt, für mich fanden die verpassten Meisterschaften 2006 und 2008 statt.
In beiden Fällen hatte ich keine Möglichkeit, in Deutschland zu sein, weil ich seit 2005 in China lebe und arbeite. Bei der ersten Meisterschaft 2005 hatte das gerade noch hingehauen, da ich wegen der asiatischen Ruhe, mit der die chinesiche Botschaft in Berlin meinen Visaantrag bearbeitete, erst am 2. Mai ausreisen konnte. Das gab mir die Gelegenheit die Tage nach dem 19. April mit einem Dauergrinsen im Gesicht zu verleben und die Feierlichkeiten nach dem glücklichsten aller Dienstage ausgiebig mitzumachen.
Der Gang zum Grill an der Holzbude von Fleischer Peter Marx gehörte für viele von uns, aber auch die Gästefans zum festen Ritual vor einem DEL-Spiel im Wellblechpalast. Kult, wie das gesamte Drumherum – eine Institution!
Ich wollte heut mal so ein, zwei Gedanken verbreiten über meine Liebe zu diesem Traumverein: Ich bin der Robert, 27 Jahre, gelernter Ossi und ich stehe beim Heimspiel.
Es gibt Dinge, die tun nur kurzzeitig weh. Andere hinterlassen eine tiefe Narbe in der Seele. Verlorene Spiele oder schlechte Stimmungen kann man in unserem Lieblingssport schon innerhalb eines Spiels wieder vergessen machen. Andere Sachen vergisst man nie.
Es ist Spieltag. Irgendein Freitag oder Sonntag. Manchmal geht es stressig zu, um pünktlich im Welli sein zu können. Nämlich dann, wenn ich direkt vom Dienst ins Sportforum rasen muss. Da heißt es auch dem Kollegen zu danken, der mich dann etwas früher ablöst, damit ich rechtzeitig vor Ort sein kann! Meist aber startet so ein Aufgalopp vor einem Spiel zum Glück immer noch zu hause. In der Woche trudeln Frau und Sohn erst von Arbeit ein, es wird erzählt, kurz geruht und später ein gemeinsames Käffchen getrunken. Da ich, wenn ich frei hatte, den Tag doch überwiegend am Computer und im Internet verbracht habe, gibt es einen kurzen Überblick über die neuesten Neuigkeiten über unsere Eisbären, die NHL oder diverse Streitereien in irgendwelchen Fanforen, aber auch die Grüße unserer Freunde aus Linz, Hamburg und Iserlohn (Hagen) werden übermittelt. Dann, so ca. zwei Stunden vor Spielbeginn, ist Rüstzeit. Die Trikots, Basecaps, Schals, Dauerkarten und in meinem Fall eben auch Presseausweis und Schreibzeug werden zusammengesucht. Kontrolle Vollzähligkeit und los geht es, der Welli ruft!
Über dich „Rosthütte“ mache ich mir schon Gedanken, jetzt wo wir in die „Sauerstoffarena“ umziehen wollen sollen. Wird nicht mehr dasselbe sein, wenn man aus der Straßenbahn springt und von der Konrad-Wolf kommend die Mauer an der Leichtathletikhalle lang läuft, der Krach zunimmt und man dein Bogendach endlich sieht. So langsam denk ich auch über den Abschied von dir nach, ein Drama darfst du ja noch miterleben, die Play-off 2008.
Dass es nicht mehr für das DEL-Eishockey reichte, sah auch Jan selber so. Ich kann mich noch an eine laue Sommernacht erinnern, als mein Kumpel Tommi und ich ihn in der Bar von seinem Bruder Mario am Kollwitzplatz trafen. Zu diesem Zeitpunkt kam es gerade herraus, dass er zu den Berlin Capitals wechseln wird. Die Caps waren damals gerade aus der DEL abgestiegen, und wollten es in der Zweiten Liga wieder versuchen. Wäre auch ideal für Schertzi gewesen, denn dort kam er ja bekanntlich bisher am Besten zurecht.
1999 war Jan Schertz also wieder zurück in Hohenschönhausen. Allerdings zwei Ligen tiefer als die DEL-Eisbären, die zwischenzeitlich die Vizemeisterschaft „gewannen“ und nach einer Europatour sich auch noch als „Bronzeboys“ der Europaliga feiern konnten. Schertz jagte aber ab sofort in der Oberliga den Pucks nach. Unter dem damaligen Juniors-Trainer Ulli Egen war er, zusammen mit dem aus dem DEL-Kader aussortierten Florian Funk, so etwas wie ein Führungsspieler. Die Eisbären Juniors waren damals, genauso wie heute, eine Ausbildungsmannschaft, die versucht hat, junge Spieler an den Profibereich heranzuführen. Erstaunlich dabei war, dass bei den Juniors Spieler mit Förderlizenzen aus Ost (Eisbären) wie West (Berlin Capitals) zusammen aufs Eis gingen.
Dass Jan Schertz ein Berliner ist, merkt man unverkennbar. „Na, wat los!“ kommt es einem entgegengeschmettert, wenn man Schertzi nach einiger Zeit mal wieder trifft. Er ist ein Berliner Kind, nicht nur der „Schnauze“ nach. Auch die Grundlage seiner Lebensbestimmung, dem Eishockey, liegt dort. Er ist einer der wenigen noch aktiven Spieler, welche das Eishockey, in der ehemaligen DDR erlernten. Damals hießen die Eisbären allerdings noch Dynamo, und der Wellblechpalast war „nur“ die Eishalle 1 im Sportforum Berlin.


